Querstadtein
Berlin aus Sicht eines Obdachlosen

MathiasLuisaMauriceLUISA, MATHIAS UND MAURICE BERICHTEN:
Am dritten Tag trafen wir uns im Stadtbezirk Mitte um 11.00 Uhr mit Klaus, einem ehemaligen Obdachlosen, für eine etwas andere Stadtführung im Rahmen des Projekts „Querstadtein“. Bei diesem Projekt werden ehemalige Obdachlose zu Stadtführern und zeigen einem, wie in Berlin das Leben auf der Straße aussieht. Man bekommt als Außenstehender den Eindruck, wie man auf diese Schiene gerät, wie man überlebt und wie man es schafft, den Weg zurück in das normale Leben zu finden.

Klaus ist 60 Jahre alt und war sieben Jahre lang obdachlos. Zudem hatte er in dieser Zeit auch noch mit einem Alkoholproblem zu kämpfen, ist aber mittlerweile seit fünf Jahren trocken. Zu Beginn der Tour erzählte er uns über seinen Werdegang und wie es letztendlich dazu kam, dass er nachts in einem Häuschen auf einem Spielplatz übernachten musste. In diesem traf er eines Morgens auf ein kleines Mädchen aus dem Haus gegenüber, die ihn für Sonntag zum Essen einlud. Klaus fand so eine zweite Familie, die ihn unterstützte und ein Stück weit aus der Obdachlosigkeit herausholte. Er hat bis heute noch Kontakt zu ihr.

Geld verdiente Klaus mit dem Einsammeln von Pfandflaschen, da er nicht betteln oder klauen wollte und Zeitungen verkaufen erfolglos war. Als Einzelgänger war es auf der Straße nicht immer leicht und man wurde schnell zum Opfer von Gewalt und Diebstahl. Dies machte Klaus allerdings schnell bewusst, dass er so nicht mehr lange leben konnte. Er erzählte uns im Laufe des Vormittags einige Geschichten, wie schwer es teilweise war, das Geld mit dem Flaschensammeln zusammen zu bekommen. So musste er an manchen Tagen gar 60 Kilometer zu Fuß gehen, um sich abends etwas zu Essen und leider auch Alkohol kaufen zu können. Diese Geschichten erschütterten uns sehr und macht uns auch bewusst, mit welch kleinen Problemen des Alltags wir uns herumschlagen. Aber Klaus, so schien es, hat auch in der harten Zeit auf der Straße nie seinen Lebensmut verloren. So hatten wir beispielsweise einen Stopp an seinem „Lieblingsmülleimer“. Warum er das war? Klaus vernahm in diesem ein Klingeln von einem Handy und fischte es heraus. Eine erzürnte Frau war am anderen Ende und forderte umgehend ihr Telefon zurück. Klaus musste sich also in ein Taxi setzen und zu der Adresse fahren, die die Dame ihm nannte. Als Finderlohn zeigte sie sich sehr großzügig und entlohnte Klaus mit einer ganzen Stange Geld. Allerdings darf so ein Moment nicht darüber hinweg täuschen, wie schwer es für ihn die meiste Zeit auf der Straße war. Dennoch erzählte er diese und auch andere Geschichten immer mit einem Lächeln auf den Lippen, was uns alle sehr beeindruckte. Am Ende der Tour berichtete Klaus noch von seinem Weg aus der Obdachlosigkeit. Ein guter, oder so wie er sagte, sein einziger Freund bot ihm Asyl für den Winter an, um danach wieder in eine eigene Wohnung ziehen zu können. Klaus schilderte den damit verbundenen Verwaltungsgang als sehr umständlich und lang. Dabei konnten wir als Mitarbeiter der Stadtverwaltung natürlich nur mit einem Schmunzeln zustimmen.

Abschließend ist zu sagen, dass die Tour alles andere war, als wir erwartet hatten. Wir haben zu Beginn mit einem unglücklichen, motivationslosen Obdachlosen gerechnet, der uns zwei Stunden lang vorjammert, wie schlimm das Leben auf der Straße sei. Klaus hat jedoch seinen Lebensmut nicht verloren und hat unseren größten Respekt dafür. Wir haben seiner Geschichte gerne zugehört und sind beeindruckt, wie offen und ehrlich er uns von seinen Fehlern, Problemen, Konfrontationen, aber auch Hoffnungsmomenten erzählt hat. Sein Weg zurück in das normale Leben ist eine bemerkenswerte Leistung und wir hoffen, dass er noch vielen Leuten davon berichten kann.

Wir halten „Querstadtein“ für ein sinnvolles Projekt, welches einem bewusst macht, wie dankbar man für ein sicheres Zuhause, einen Arbeitsplatz und Familie und Freunde sein sollte.